Q&A's

Fragen und Antworten zu Tierversuchen

Das Ziel von «Forschung für Leben» und diesen Q&A's ist es sich in wissenschaftliche Debatten einzubringen. Der Verein greift aktuelle Themen im biomedizinischen und pflanzenphysiologischen Bereich auf, und möchte einen Beitrag an die Beantwortung von ethnischen Fragen, die sich daraus ergeben, leisten.

 

 

Serie I   Häufige Fragen

1.1. Wieso sind Tierversuche nötig?

Die Grundlagenforschung versucht, physiologische und medizinische Fragen über Menschen und Tiere zu beantworten. Für komplexe Fragestellungen, welche z.B. die Wechselwirkung zwischen Organen im Körper oder zwischen Erregern und höheren Lebewesen betreffen, müssen Versuche zwingend an einem Organismus untersucht werden, um relevante Resultate zu erhalten. Diese Resultate bilden die Basis für weiterführende, mehr angewandte Forschungsrichtungen. So wäre ohne die Grundlagenforschung die klinische Forschung, welche sich auf spezifische Krankheiten und die dazu nötigen Behandlungen konzentriert, nicht möglich. Auch in der klinisch orientierten Forschertätigkeit sind die Forschenden oft auf Krankheitsmodelle an Organismen angewiesen. Ohne die Erkenntnisse der Grundlagenforschung ist die Medikamentenentwicklung kaum erfolgreich.

Neue Medikamente müssen von Gesetzes wegen an Tieren getestet werden, damit sie überhaupt auf dem Markt zugelassen sind. Sicherheitsbestimmungen verlangen, dass Wirkungen und Nebenwirkungen zum Schutz der Patienten möglichst umfassend an Tieren abgeklärt worden sind, bevor sie in Patienten getestet werden können. Hierbei geht es v.a. um die Frage der Unschädlichkeit (akute oder chronische Toxizität, Verursachen von Krebs, Missbildungen). Erfolgreich im Tiermodell getestete Medikamente sind bislang die einzige Möglichkeit, mit möglichst geringem Risiko neue Medikamente bei Menschen zu erproben.


1.2. Sind alle Tierversuche gleich belastend für das Tier?

Tierversuche werden in Schweregrade von 0–3 eingeteilt, welche die Belastung der Tiere in einem bestimmten Versuch widerspiegeln.

Schweregrad 0 (rund 42% aller Tierversuche in der Schweiz): Das Allgemeinbefinden der Tiere wird nicht erheblich beeinträchtigt, z.B. Blutentnahme für diagnostische Zwecke, Injektion eines Medikaments unter die Haut. Deshalb brauchen Tierversuche mit Schweregrad 0 keine Bewilligung, müssen jedoch gemeldet werden.

Schweregrad 1 (rund 36% aller Tierversuche in der Schweiz): Dem Tier wird eine kurzfristige oder eine leichte Belastung zugefügt, wie z.B. das Injizieren eines Medikaments unter Anwendung von Zwang.

Schweregrad 2 (rund 21% aller Tierversuche in der Schweiz): Dem Tier wird eine mittelgradige, kurzfristige oder eine leichte, mittel- bis langfristige Belastung zugefügt, wie z.B. die operative Behandlung eines künstlich herbeigeführten Knochenbruchs an einem Bein.

Schweregrad 3 (rund 2% aller Tierversuche in der Schweiz): Das Tier wird einer schweren bis sehr schweren, oder einer mittelgradigen, mittel- bis langfristigen Belastung ausgesetzt, z.B. die Erzeugung einer tödlich verlaufenden Infektions- oder Krebserkrankung ohne vorzeitige Euthanasie.

 

1.3. Was versteht man unter den 3R-Prinzipien in Zusammenhang mit Tierversuchen?

Die 3R-Prinzipien  – Replacment, Reduction, Refinement – beschreiben den ethischen Handlungsspielraum von Tierversuchen in der Forschung.

Replacement (Ersatz) bedeutet, dass die Forschenden tierexperimentelle Studien durch alternative Methoden ersetzen, sofern dies möglich ist und entsprechende Alternativmethoden vorhanden sind. Unter Alternativmethoden versteht man die Forschung in Stammzellen- und Gewebekulturen sowie mittels Computermodellen.

Reduction (Reduktion) bedeutet, dass die Anzahl der benötigten Tiere pro Versuch so gering wie möglich gehalten wird. Voraussetzung dafür ist eine statistisch gut vorbereitete Versuchsanordnung. Es hat sich allerdings gezeigt, dass im Bemühen, die Anzahl der Tiere so niedrig wie möglich zu halten, die Gefahr steigt, dass keine relevanten Resultate erzielt werden und die Versuche wiederholt werden müssen.

Refinement (Verfeinerung, Verbesserung) besteht aus einer breiten Palette von Massnahmen, die alle dazu führen sollen, die Belastung der Tiere zu vermindern. Zu diesen Massnahmen gehören die Haltungsformen von Tieren, die Anreicherung der Tierkäfige mit Gegenständen, bestimmte Operationsmethoden, Schmerzstillung und der Umgang mit den Tieren ganz allgemein. Im Refinement liegt das grösste Potenzial für die Umsetzung der 3R in der Grundlagenforschung.

Die Forschenden selbst haben grösstes Interesse, die Tiere so schonend wie möglich und gemäss der 3R-Prinzipien zu behandeln. Denn Tierversuche sind sehr teuer und nur gesunde Tiere, die sich wohlfühlen, liefern zuverlässige Forschungsresultate.

 

1.4. Sind die Ergebnisse von Tierversuchen relevant für die Gesundheit der Menschen?

Um Menschen nicht zu gefährden, werden bestimmte Tierarten aufgrund ihrer Ähnlichkeit zum Menschen für Tierversuche gewählt. Sehr oft regulieren diese Tiere gewisse Prozesse im Körper gleich oder zumindest ähnlich wie der Mensch. Genetisch veränderte Tiere, meist Mäuse, werden gezüchtet, um diese Ähnlichkeiten zu verstärken. In diesen Tiermodellen lassen sich Krankheiten und grundlegende physiologische Prozesse studieren, die in Zell- und Gewebekulturen nicht möglich sind.

Tiere werden auch für die Entwicklung von Medikamenten eingesetzt. Spätestens in der präklinischen Phase werden neue Medikamente an Tieren getestet, um mögliche Nebenwirkungen von Medikamenten frühzeitig zu erkennen. Viele Medikamente, welche ursprünglich für Menschen entwickelt wurden, werden heute für die Behandlung von Tieren mit Krankheiten wie Herzproblemen, Diabetes und Krebs in der Tiermedizin eingesetzt. Die Forschung am Tier ist deshalb immer auch gleich eine Forschung für das Tier.

Die Grundlagenforscher interessieren sich ebenfalls für spezifische Eigenschaften von verschiedenen Spezies, die auch für Menschen von Vorteil sein könnten. So fragen sie sich z.B., weshalb ein Nacktmull kein Krebs bekommt oder wie Zebrafische verletzte Herzgewebe erneuern. Die Erkenntnisse dienen letztendlich ebenfalls der Gesundheit der Menschen.

 

1.5. Wieso nicht ganz auf Alternativmethoden umsteigen?

Verschiedene Alternativmethoden werden zusammen mit Tierversuchen durchgeführt und reduzieren so die Anzahl der benötigten Tiere. Unter Alternativmethoden versteht man Stammzellen- und Gewebekulturen (in vitro), aber auch computergestützte Simulationen (in silico). Trotzdem sind gewisse Fragen immer noch nur mit Tieren beantwortbar. Bevor es jedoch zu Tierversuchen kommt, muss im Versuchsantrag detailliert aufgezeigt werden, dass Alternativmethoden in Betracht gezogen wurden, diese aber die gestellten Fragen nicht beantworten können. Es ist entsprechend illegal, Tierversuche durchzuführen, für welche eine Alternative vorhanden ist.

Bei der Arzneimittelentwicklung werden Medikamente grösstenteils mit Alternativmethoden getestet und nur diejenigen Entwicklungen, die vielversprechend sind, an Tieren (präklinische Phase) und, falls erfolgreich, später an Menschen (klinische Phase) getestet.

 

1.6. Werden Tierversuche jemals ganz ersetzt werden können?

Diese Frage beantworten Grundlagenforschende mit einem klaren Nein. Die Komplexität eines menschlichen Organismus und das Zusammenspiel der Organe sind derart hoch, dass dies wohl nie durch künstliche Systeme vollständig ersetzt werden kann. Zusätzlich erschwert der Zeitfaktor ein solches Unterfangen, da Krankheiten sich meistens über eine längere Zeit entwickeln.

Zwar besteht die Hoffnung, etwa durch wissenschaftliche Methoden wie Organ-on-a-chip oder durch verbesserte Versuchsplanung, die Anzahl der benötigten Tiere zu verringern. Doch Zellkulturen oder isolierte Organe können einen Organismus mit seinen komplizierten physiologischen Prozessen nie abbilden. Die Zellkulturen sind ausserdem nur kurzlebig. Die Computersimulationen hingegen sind nur so gut, wie sie mit Daten, die im Tiermodell erarbeitet worden sind, unterstützt werden. Aber auch dann: Ein Computermodell gibt nur Aufschluss über Prozesse, die wir im Ansatz schon kennen. Neues, das die Realität widerspiegelt, kann er nicht aus sich selbst heraus erfinden.

 

Serie II   Ethik bei Tierversuchen

2.1. Darf man Tieren für medizinische und wissenschaftliche Zwecke Leid zufügen?

Spätestens seit den Anfängen der Tierschutzbewegung im 19. Jahrhundert gelten empfindungsfähige Tiere als schutzwürdig, zumindest soweit sie vom Menschen gehalten und genutzt werden. Im Zusammenhang mit der Empfindungsfähigkeit ist auch die Frage nach der «Leidensfähigkeit» zentral. Dieses Kriterium setzt der tierexperimentellen Forschung Grenzen. Um diese Grenzen auszuloten, braucht es eine Güterabwägung. Jeder Forscher muss die Frage beantworten, ob sein Experiment und die den Tieren zugefügte Belastung die angestrebte Minderung von Leiden bei Menschen rechtfertigt. Dies wird durch eine Spezialkommission geprüft. Um diesem Aspekt ausreichend Rechnung zu tragen, wird auch viel davon abhängen, wie die Tiere vor und nach dem Versuch behandelt werden, ob sie weiterhin Angst und Stress ausgesetzt bleiben oder ob ihnen hinreichend viel Freiraum zum Ausleben ihrer physischen und sozialen Bedürfnisse zur Verfügung steht.

Aus ethischer Perspektive ist es darum unerlässlich, dem Prinzip der 3R vermehrt Geltung zu verschaffen. Die 3R bedeuten: Replace – Ersetzen von Tierversuchen durch Alternativen; Reduce – Vermindern der Anzahl der in Tierexperimenten verwendeten Tiere; Refine –Verminderung der Belastung bzw. Verbesserung der Lebenssituation der Tiere. Ein Verbot von Tierversuchen ist im Hinblick auf den medizinischen Fortschritt keine Option.

 

2.2. Darf man Tiere in der biologischen und biomedizinischen Grundlagenforschung nutzen?

In der Tierethik stellt sich die Frage, ob Versuche mit Tieren sich auch dann rechtfertigen lassen, wenn solche Versuche primär dem Erkenntnisgewinn auf der Ebene der Grundlagenforschung dienen. Tierschutzkreise argumentieren, dass sich die mit einem Tierversuch zusammenhängenden Schmerzen und Leiden nur dann rechtfertigen lassen, wenn die damit gewonnenen Erkenntnisse dazu beitragen, bislang kaum behandelbare Leiden und Krankheiten künftig heilen zu können.

Nun wird man kaum ernsthaft bestreiten können, dass die Grundlagenforschung dank der Erforschung grundlegender Mechanismen in einem komplexen Organismus wie das Tier bisher eine unschätzbare Grundlage und somit einen Beitrag zur Verminderung und sogar zur Heilung von menschlichen Leiden geleistet hat. Es gibt keinen vernünftigen Grund, weshalb das nicht auch in Zukunft so sein soll.

 

2.3. Dürfen Non-Human Primates (NHP) in der biologischen und biomedizinischen Grundlagenforschung eingesetzt werden?

Tierversuche mit NHP (Makaken, Rhesusaffen, Paviane usw.) tragen entscheidend zu essenziellen biomedizinischen Erkenntnissen bei, ebenso zur Entwicklung neuer Behandlungskonzepte, insbesondere im Hinblick auf schwere Erkrankungen neurologischen Ursprungs wie Parkinson, Alzheimer, Epilepsie, multiple Sklerose, Chorea Huntington usw.

Die neurowissenschaftliche Forschung ist in den letzten Jahren zu einer Erfolgsgeschichte geworden, die weitere wissenschaftliche und therapeutische Durchbrüche erwarten lässt. So stammt etwa der grösste Teil unserer Kenntnisse über die Funktion einzelner Hirnareale aus Experimenten mit NHP, da wichtige Strukturen im Hirnstamm, im Kleinhirn sowie im Grosshirn erst auf der Entwicklungsstufe von Primaten in der gleichen spezialisierten Art wie beim Menschen funktionieren. In der Schweiz geraten aber gerate Versuche mit nichtmenschlichen Primaten immer mehr unter Druck (Versuche mit Menschenaffen sind weitestgehend verboten). Im übrigen Europa erlaubt die revidierte «EU-Richtlinie zum Schutz der für wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere» (2010/63/EU) den Einsatz von Tieraffenmodellen in der Forschung, speziell auch in der Grundlagenforschung, explizit (Art.5 und 8). Sollten die Versuche mit nichtmenschlichen Primaten in der Schweiz dereinst verboten werden, droht dem Schweizer Forschungsplatz ein nachhaltiger Wettbewerbsnachteil.

 

Serie III Tierversuche an Affen

3.1. Experimente an Affen haben dazu beigetragen, immenses Leiden zu verhindern, beispielsweise bei Poliomyelitis (Kinderlähmung):

Bis ein Impfstoff in den 1950-er und 1960-er Jahren gefunden wurde, tötete die Poliomyelitis, kurz Polio genannt, jedes Jahr mehr als 10'000 Kinder. Unzählige erlitten lebenslange körperliche Beeinträchtigungen. Die Krankheit verursacht immense Schmerzen im ganzen Körper. 1988, vor der weltweiten WHO Impfungs-Kampagne, erkrankten immer noch 350'000 Kinder jährlich an Polio. 2013 wurden noch 400 Fälle registriert. Die Ausrottung dieser Krankheit schien zum Greifen nahe. Bis es soweit war, waren zahlreiche Versuche an Affen nötig, um einen geeigneten Impfstoff zu entwickeln. Allerdings nimmt seit einigen Jahren zum grossen Bedauern der Wissenschaftler die Impfrate ab, weshalb sich diese hochgefährliche Krankheit wieder ausbreitet.

 

3.2. Experimente an Affen haben dazu beigetragen, immenses Leiden zu verhindern, beispielsweise bei Parkinsons:

Zu Beginn der 1990-er Jahre wurde dank Versuchen an Makaken (Primatenart) bewiesen, dass Stimulationen in gewissen Bereichen des Gehirns helfen können, Störungen bei Bewegung und Balance, wie sie oft bei Parkinsons Patienten auftreten, zu beheben. Dieser Effekt wurde bald auch an Menschen getestet. Die heute genannte «Tiefe Hirnstimulation» wird routinemässig an Parkinsons-Patienten angewendet und zeigt exzellente Ergebnisse. Der Prozess ist ein ähnlicher wie bei den Makaken: Elektroden, die im Gehirn implantiert sind, generieren sanfte elektronische Impulse, die helfen, das Zittern, welches typischerweise mit Parkinsons assoziiert ist, zu stoppen und Bewegungen zu verlangsamen.

 

3.3. Experimente an Affen haben dazu beigetragen, immenses Leiden zu verhindern, beispielsweise bei Schlaganfällen:

Das sogenannte Constraint Induces Movement Training (CIMT) kann Schlaganfallpatienten helfen, den grössten Teil ihrer Beweglichkeit zurück zu gewinnen. Dabei wird der Patient gezwungen, das betroffene Körperglied intensiv zu bewegen. Dies geschieht, indem das nicht-betroffene Körperteil über einen längeren Zeitraum eingeschränkt wird. Das gelähmte wird in dieser Zeit intensiv benutzt und trainiert. Durch ständig wiederholte Übungen wird die Entwicklung neuer neuronaler Pfade im Gehirn induziert. Die Patienten lernen dadurch, die gelähmten Glieder wieder einzusetzen. Die Methode wurde erstmals an Ratten und dann an Makaken getestet. Schliesslich konnte sie mit grossem Erfolg auch im Menschen eingesetzt werden.